Kommentare zu „Ist der Kapitän blind?“

Liebe Leserinnen und Leser,

der gestrige Artikel mit dem Titel „Ist der Kapitän blind?“ unseres Autors Kurt August Hermann Steffenhagen hat zu doch kontroversen Diskussionen u.a. auf Facebook, LinkedIn und innerhalb diverser XING-Gruppen geführt.
Wir haben daher weitestgehend alle Kommentare an Herrn Steffenhagen weitergeleitet, sofern dieser weder über ein Profil auf einer speziellen Social Media Plattform verfügt und/oder nicht als Mitglied diverser Gruppen gelistet ist.

So hat beispielsweise Herr Dr. Ulrich Rütten im Rahmen der XING-Gruppe „Interim Manager“ den Artikel folgendermaßen kommentiert:

Dr. Ulrich Rütten  – 08.03.2016, 10:17

Sehr geehrter Herr Volkmer,
auf den von Ihnen zitierten Artikel eine umfassende Replik zu formulieren, fällt mir schwer. Dies liegt daran, dass sich der Autor einer Technik, besser eines Tricks bedient, die nahezu immer funktioniert: Man nehme einen beliebigen Sachverhalt ( eine beliebige Theorie, Praxis, Regelwerk,…), verallgemeinere ihn bis zum Stadium einer Karikatur, prügle auf die Karikatur ein und beweise nun, dass der am Boden liegende Krüppel keinen 100 Meter Lauf gewinnen kann. Wir wissen aus den Naturwissenschaften, dass unsere Welt voll von nicht-linearen Zusammenhängen ist. Trotzdem linearisieren wir auf Sichtweite, um Komplexität zu reduzieren und um Dinge operabel zu machen. Das tun wir im täglichen Leben, auch im beruflichen Umfeld. Übrigens mit beachtlichem Erfolg.
Spätestens seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts wissen wir auch, dass Fortschritte in Wissenschaft, Technik und übergreifenden Theorien nicht in linearem Fluss, sondern in Schüben, verbunden mit radikalen Paradigmenwechseln stattfindet. Trotzdem ist es höchst erfolgreich, die prinzipiell angreifbare lineare Denkweise zunächst einmal beizubehalten und (technisch gesprochen) erst in der zweiten Näherung die nicht-linearen Effekte zu berücksichtigen. Als ebenso abwegig erweist sich der Angriff auf das Prinzip der Kausalität. Selbst im engen Sinn chaotische Vorgänge gehorchen kausalen Zusammenhängen, erst auf einer Ebene sehr weit entfernt von alltäglicher Erfahrung finden wir nicht-kausal beschreibbare Abfolgen von Zuständen. Es ist dem leichtfertigen Umgang mit Begriffen geschuldet, dass überhaupt von einem Paradigma der Kausalität gesprochen wird, welches man so mir nichts, dir nichts über Bord werfen könne.
Darum ist die These des Autors vom „toten Pferd“ zwar elegant und suggestiv, jedoch bei näherer Betrachtung falsch, eleganter Unsinn eben.

 

Unser Autor Kurt August Hermann Steffenhagen hat zu diesem Kommentar eine Replik verfasst, welche wir an Herrn Dr. Rütten weitergeleitet haben, aber auch Ihnen nicht vorenthalten möchten.

Kurt August Hermann Steffenhagen – Replik

Sehr geehrter Herr Dr. Rütten,
Ihrer Darstellung der Komplexität und der Fortschritte in der Wissenschaft, sei es in der Technik oder in übergreifenden Theorien in Schüben und radikalem Paradigmenwechsel folge ich zu 100%. Auch die Möglichkeit im Umgang mit der Komplexität, sie mittels Reduzierung auf Handeln auf Sichtweite „in den Griff“ zu bekommen, ist auch der Stand meiner Erkenntnis. Ein Ausfluss dieser Praxis sind ja z.B. die „Floating Goals“. Wir sind insoweit eng beieinander.

Darum geht es mir allerdings gar nicht in erster Linie. Was Sie und ich sagen, ist etwas, das eigentlich bekannt sein sollte und lebt mit Verlaub gesagt meist nur im Elfenbeinturm der Wissenschaft oder einigen forschenden Instituten.  Dies offenbare Wissen findet sich eben nicht im Handeln des Managements, jedenfalls nicht im Main Stream. Dies deutlich zu machen, ist meine Absicht.

Mein Impetus zielt auf die Tragik guten Wissens, das eben nicht oder sogar wider besseren Wissens keine Beachtung findet. Das hat wie wir beide wissen Tradition in der menschlichen Entwicklung und, Entschuldigung für den wissenschaftlichen Kalauer, Kopernikus hat darunter sogar zu leiden gehabt, dass er etwas propagierte, was wohl sinnvoll war aber in dem Falle noch nicht einmal gehört und mit der Verbannung bestraft wurde.

Ein Blick in die gängige Praxis zeigt u.a. folgendes: MbO wird überwiegend immer noch mit starren Zielen verbunden und, um einen anderen Aspekt hinzuzufügen, ein Blick in die Ratgeberliteratur und den „common sense“ des Managements zeigt sehr deutlich, dass zum Beispiel der Umgang mit Menschen immer noch mechanistisch angegangen wird. Der Klassiker Sender-Empfänger-Modell wurde ja bekanntlich von zwei Ingenieuren (Shannon und Weaver)  in einem völlig anderen Zusammenhang vor 80 Jahren entwickelt…. sicher es gibt Variationen dieses Gedankens, aber das Paradigma des Mechanischen und darüber hinaus, der Wunsch, alles „in den Griff“ zu bekommen, lebt ungeniert. Darauf möchte ich hinweisen.

Gedanken wie z.B. das Mailänder Modell von Frau Palazzoli, systemische Ansätze sind trotz nachgewiesenen Erfolges nicht oder nur selten in den Unternehmen zu finden. Sie dürfen mir glauben, dass ich da geforscht habe und auf dem aktuellen Stand bin.

Im Hintergrund meines Artikels steht eigentlich der Aufschrei dessen, der sieht, dass trotz besserer Erkenntnis nichts geschieht. Die Tragik dieser Stumpfsinnigkeit lässt sich aktuell auch im politischen, in der Flüchtlingsfrage erkennen. Den klugen Menschen war diese sich eigentlich zwangsläufig entwickelnde Katastrophe schon vor 15 Jahren klar…. nur das Paradigma des „Wir haben das im Griff“ oder humanitär angemalt „Wir schaffen das“, dessen Mutter die Hoffnung und letztlich die Bequemlichkeit im Denken ist, hat mit erheblichstem Kollateralschaden gesiegt.

Insofern habe ich Karikaturen gezeichnet, Metaphern benutzt und mich in meinem Buch sogar des Kunstmittel des Witzes bedient, um das an die Verantwortlichen heranzutragen, was sie eigentlich tun könnten. Die Überzeichnung ist ein Trick, wenn sie so wollen, dessen ich mir sehr bewusst bin. Und der Krüppel, der am Boden liegt, soll Staub fressen, der Krüppel ist die Faulheit im Denken und das Festhalten an Macht.

Die Methode, die hinter diesen Ausführungen des Artikels steht, ist einfach erklärt: Nur wenn Du weißt, wo Du stehst, in welchen Schuhen oder Paradigmen Du läufst, wirst Du Fortschritt erleben. Diese Erkenntnis zu fördern, ist meine Absicht.

Wobei ich manchmal drastisch formuliere, aber es ist liebevoll drastisch gemeint, weil wir ja alle irgendwo „blinde Flecken“ haben, die im Gewand eines Gespensts umherirren.

Apropos, der Beginn des Artikels ist eine abgewandelte Kopie des ersten Satzes des „Kapitals“ von Karl Marx, der damit etwas umschrieb, das seinerzeit unsichtbar Macht ausübte.

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Kurt August Hermann Steffenhagen



Jurist, M&A Coach und Autor